Noch ne Einnahmequelle für Waldbesitzer.
Eintritt zum Bosseln und Walken.
Mal sehn, wann die Landwirte Schranken an die Feldwege stellen
und Gassigeher abkassieren.
Nordfriesenwitz oder mehr ?
Thorsten
Boßeln im Wald - Das kann teuer werden
Witwentannen: Forstamt Rantzau erhebt plötzlich Gebühren. Ute Oswald soll 50 Euro für jede Runden zahlen. Andere Wald-Nutzer müssen ebenfalls damit rechnen, künftig zur Kasse gebeten zu werden.
Von Andreas Burgmayer
Norderstedt -
Boßeln - das ist so einfach wie spaßig. Einige Kugeln aus Hartgummi oder Holz, ein Bollerwagen für die Verpflegung, ein paar Freunde oder Verwandte, und ab geht's in den Wald auf einen festgelegten Parcours. Und wer da die Kugel weiter wirft als der Gegner - der hat gewonnen. Die Norderstedterin Ute Oswald hat sich dem friesischen Nationalsport verschrieben. Seit 13 Jahren boßelt sie mit 20 bis 40 Freunden ein- bis zweimal im Jahr durch den Rantzauer Forst. "Weil es 'ne Menge Spaß bringt", sagt sie. Doch der ist ihr jetzt ganz plötzlich vergangen. Denn sie hat Post bekommen von der Landeskasse. Eine Mahnung über 100 Euro. Die Rechnung von Amts wegen lautet: Zweimal Boßeln in 2005 im Rantzauer Forst macht je 50 Euro. Ute Oswald fiel aus allen Wolken.
In all den Jahren war es doch immer dasselbe Prozedere: Sie schrieb - gesetzestreu und korrekt wie sie nunmal ist - einen Brief an das Forstamt Rantzau, meldete ihre Boßelrunde mit genauer Wegbeschreibung, der Länge der Veranstaltung und der Zahl der Teilnehmer an. "Ich weiß, das andere einfach den Bollerwagen schnappen und so in den Wald gehen und losboßeln - aber dazu bin ich einfach zu korrekt", sagt Oswald. Tatsächlich bekam sie über all die Jahre auch immer ein Schreiben mit der offiziellen Erlaubnis des Forstamtes zurück, verbunden mit ein paar Hinweisen, wie die Boßelrunde sich im Wald zu verhalten hat. Oswald: "Das war alles nie ein Problem, die Genehmigung war jedes Jahr gleich, da schaute ich irgendwann gar nicht mehr genau drauf."
Das war ihr Fehler. Denn in den Genehmigungen für die beiden Boßelrunden 2005 stand am Ende des Schreibens unangekündigt plötzlich der Vermerk: "Für diese Genehmigung wird ein Entgelt in Höhe von 50 Euro erhoben." Jeweils zahlbar innerhalb der folgenden zwei Wochen. Das hat Ute Oswald mittlerweile entdeckt - viel zu spät, deswegen also die Mahnung der Landeskasse.
"Für mich völlig unverständlich, warum ich plötzlich für die Boßelrunden bezahlen soll. Früher hätte ich das ja noch verstanden, als ich die Turniere für die FDP veranstaltet habe. Aber seit Jahren mache ich das rein privat, ohne kommerzielles Interesse", sagt Oswald. 8 Euro mußten Teilnehmer des Boßelturniers 2005 bezahlen. Das deckte die Kosten für die Organisation und die kleinen Preise. "Wenn ich jetzt aber auch noch Gebühren für den Wald bezahlen muß, dann wird das auch für die Teilnehmer teurer, und dann ist die Frage, wie viele sich das Boßeln noch was kosten lassen", sagt Oswald.
Gebühren für die Benutzung des Waldes? Ute Oswald und ihr Boßelturnier sind vielleicht nur der Anfang. Denn: Die Wälder sind für das Land Schleswig-Holstein längst ein lästiges Zuschußgeschäft geworden. Eine Projektgruppe unter der Leitung von Staatssekretär Klaus Schlie schlägt in ihrem jetzt vorgelegten "Schlie-Bericht" die Privatisierung der Staatsforste vor. Grund: Zu hohe Verwaltungskosten, zu wenig Umsätze. Die Waldwirtschaft lohnt nicht mehr. Das Kabinett in Kiel sondiert derzeit mit externen Fachleuten die Möglichkeiten zur Privatisierung der Wälder und zur Neuorganisation der Landesforste in einer anderen Rechtsform, um am Ende "die für Schleswig-Holstein wirtschaftlichste Lösung zu erreichen".
Ute Oswald war mit ihrer Boßelrunde meistens in den Witwentannen der Staatlichen Försterei Tangstedt unterwegs. Forstamtmann Hartwig Radszuweit ist dort zuständig. "Der Wald wird von den meisten Leuten einfach ohne Nachzudenken genutzt. Niemand macht sich Gedanken, wieviel Arbeit dahinter steckt", sagt Radszuweit. Früher hätte die reine Waldwirtschaft genug Geld zur Deckung der Kosten eingebracht. "Da machte sich keiner Gedanken über Gebühren", so der Forstamtmann weiter. Jetzt müßten die Forstämter mehr denn je nachweisen, wie sie mit ihren zugeteilten Steuergeldern zurechtkommen. Verschärft wird das nun durch die Privatisierungsdebatte. Radszuweit: "Mit der Gebührenerhebung kann man gegen die Kosten ansteuern und ein Signal an die Politik geben." Und Möglichkeiten für die Gebührenerhebung gebe es genügend: "Das Nordic Walking boomt, es gibt jede Mange kommerzieller Anbieter. Die bezahlen alle nichts für die Nutzung des Waldes", nennt Radszuweit ein Beispiel. Allerdings sieht er die Problematik, wie die Gebührenerhöhung umgesetzt werden soll. Denn die Wälder sind zu groß, um konsequent jeden Nutzer zu kontrollieren. Und wer meldet sich schon korrekt an, wenn er im Wald Sport treibt?
Bisher wohl nur Ute Oswald. Und bei ihr scheint sich das Forstamt auch nicht mehr ganz sicher zu sein, ob sie nun ein kommerzieller oder rein privater Boßel-Anbieter ist. Oswald: "Ich hab mich gegen die Gebührenerhebung beim Amt beschwert - und die haben mir prompt zumindest 50 Euro erlassen."
erschienen am 30. Januar 2006
http://www.abendblatt.de/daten/2006/01/30/528492.html