Drahtseile und ihre Lebensdauer

Gundo

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03. Juni 2004
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Hallo Allerseits !
Jeder hat es schon gesehen: ein Drahtseil, dass durch schlechte Behandlung dauerhaft "verbogen" ist. In Kranbetrieben werden solche Seile und Seilstrops ausgesondert, privat kann man insbesondere die Strops noch prima verwenden.
Aber was ist eigentlich mit den verbogenen Seilen passiert und warum müssen die ausgesondert werden ?
Ich stellen mir das so vor, dass das Seil um eine (zu enge) Biegung gelegt und dann stark überlastet wurde. Offenbar werden dabei die am äußeren Umfang der Biegung liegenden Litzen überstreckt und so dauerhaft "verlängert". Die Folge ist dann anscheinend, dass das Seil an der Stelle fortan immer krumm ist.
Aber dann müsste man doch das Seil nehmen können, gerade einspannen, und bis kurz vor die Bruchgrenze recken. Dann müssten sich doch die "zu kurzen" (also bisher nicht gereckten Litzen) auch in die Länge ziehen, so dass das Seil wieder grade ist. Und weil Stahl ja, anders als z.B. Aluminium, dehnbar ist, dürfte die Qualität des Seiles dabei nicht einmal schlechter werden. Denn Stahl hat ja eigentlich kein "Gedächtnis" (anders als Alu) und bricht auch nicht plötzlich.
Oder habe ich irgendwo einen Denkfehler gemacht ?
Kann man einen verbogenen Seilstrop überhaupt wieder grade recken ??
Gundo
 
Hallo Gundo,

wenn du über die Streckgrenze drüber bist geht nix mehr, dann ist das Seil nicht mehr tragfähig.
Also weg damit.
Die verbiegungen können auch beim falschen (zu losem) aufwickeln entstehen, wenn dann auf einmal gewaltiger Zug auf das schlecht gewickelte Seil draufkommt.
Obs für dich noch brauchbar ist kommt immer auf das Seil drauf an und was du damit machen willst (Sicherheitsabstand einhalten)
Streckgrenze: hier klicken
Grüsse: Hugo
 
Hallo Gundo,

bei allen Stählen und sonstigen Metallen gibt es vor der Bruchgrenze die sog. Fließgrenze. Diese ist je nach Legierung unterschiedlich nahe oder fern der Bruchgrenze. Z. B. gibt die Festigkeitsklassierung bei Schrauben immer beide Grenzen an. Beispiel: 8.8 bedeutet Zugfestigkeit (Bruchgrenze) = 800 N/mm²; Streckgrenzenverhältnis (Fließgrenze)= 80% = 640 N/mm².
Ab dieser Beanspruchung beginnt sich das Material plasisch zu verformen um dann beim Erreichen der Zugfestigkeit zu reißen.

Im vorliegenden Fall eines Stahlseils, bei dem sich bereits einzelne Drähte verlängert haben, also plastisch verformt wurden, nimmt, da ja das Volumen konstant bleibt, logischerweise der Durchmesser dieser Drähte ab.
Die Folge ist nun eine geringere Festigkeit, da ja bei gleicher Zugkraft der Querschnitt dieser Drähte geringer geworden ist.
Beispiel: Ziehe ich mit einer Kraft von 100 N an einem Draht mit einem Querschnitt von 5 mm², so habe ich eine Belastung von 20 N/mm².
Hat der Draht jetzt aber nur noch einen Querschnitt von 3 mm² so habe ich bei gleicher Kraft eine Belastung von 33 N/mm². :idea:

Fazit: Hände Weg von verbogenen Seilen:

Gruß

Stephan
 
Hallo Gundo,

ich kann mir nicht vorstellen, daß die Verformungen überwiegend daher rühren, daß einige Litzen, d.h. auf einer Seite des Seils, überdehnt und damit plastisch verformt wurden. Die Seile sind meist nur verbogen/geknickt, aber damit natürlich auch plastisch verformt.

Wiederholte plastische Verformung, besonders in wechselnder Richtung, schwächt das Material bis zum Bruch einzelner Litzen - auch innen und damit nicht sichtbar. Das reduziert natürlich die Reißkraft bzw. das Seil muß sofort "abgelegt" werden. Dann sollte man es eigentlich nur noch als Gartenzaun verwenden! :wink:

Guck auch mal hier:
http://www.brugg-drahtseil.ch/pdf/drahtseil/10_Kapitel_05.pdf
 
Hallo Zusammen!
Wenn ein Windenseil durch schlechte Wicklung oder sonstwie geknickt, verbogen oder verdreht ist und keine Drähte gebrochen sind hängt man das Seil am Anhängepunkt einen kugelgelagerten "Wirbler" und wickelt es unter starken Zug auf. Der Wirbler dreht sich dann abwechselnd links und rechts und das Seil wird wieder gerade und fest.
Wenn man dann das Seil wieder ausrollt und auf den Boden legt liegt es wieder schön gerade ohne Schlingen und spannugsfrei und hat so glaube ich, fast wieder die ursprügliche Festigkeit.
 
OK, also erstmal Danke für alle Antworten und Danke insbesondere für die zur echten Wissenserweiterung führenden Links. :)
Dann fasse ich zusammen:
- Drahtseile können durch unsymmetrische Überbeanspruchung ungleichmäßig gereckt werden und verlieren dadurch ihre ursprüngliche Form.
- Ein verbogenes Drahtseil ist immer ein Zeichen dafür, dass es (stellenweise oder insgesamt) überbeansprucht wurde.
- Durch die Überbeanspruchung (=Dehnung) werden einzelne Litzen dünner, womit sich der Querschnitt und in Folge auch die Tragfähigkeit des Seiles verringern.
- Es ist möglich, ein verbogenes Drahtseil wieder geradezurecken; dabei werden aber auch die bisher nicht überdehnten Bereiche des Seiles ebenfalls überdehnt.
- Ein verbogenes oder überdehntes Drahtseil hat eine geringere Tragkraft als die ursprünglich angegebene. Deshalb muss es im gewerblichen Bereich ausgesondert werden.
- Ein verbogenes oder überdehntes (und damit tragkraftreduziertes) Drahtseil kann wohl im Hobbybereich noch gut verwendet werden, sofern die maximale Belastung nicht mehr als die Hälfte der ursprünglichen Nennbelastung beträgt.
- Ein angebrochenes oder stellenweise beschädigtes Drahtseil (zerrissene Litzen) ist in der Regel unkalkulierbar in der Tragkraft reduziert, so dass es auch im Hobbybereich nicht mehr eingesetzt werden kann.

Gundo
 
Moin, würde mein Seil wegen 'nem kleinen Knick auch nicht gleich verschrotten, empfehle aber mal einen KONTROLLIERTEN Reißtest: das angeblich defekte Seil voll belasten, was die Winde hergibt, natürlich so, daß man einen Riß erwartet. Erstens weiß man dann , was im Ernstfall passiert (wer hatte schon mal im Gelegenheitsbetrieb einen Seilriß???? ) und zweitens kann dann jeder etwas entspannter mit allen (richtigen und sehr wichtigen) Warnungen umgehen. Gruß auch an Herbert, Markus