Lieber Bernd,
da die Mails mit dem Titel: "Benachrichtigen über neue Antworten zum Thema:..." bei mir fast sämtlich vom Spamfilter geschluckt werden (kein Wunder, bei Mails ohne Absender), habe ich Deinen Beitrag erst spät gelesen.
Danke für Deine Offenheit!
Danke für Deine Ehrlichkeit!
Danke für Deine Freundlichkeit!
Danke auch, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, den von mir abgeschossenen Ball nicht nur aufzufangen, sondern auch äußerst fair zurückzuspielen!
Im Moment habe ich leider eine satte Erkältung und deshalb nur einen begrenzt funktionierenden Verstand, dennoch der Versuch, Dir zu antworten:
Zuerst einmal: Wenn ich Deinen und meinen Beitrag lese, stelle ich fest, dass wir beide in unserem Denken viel näher zusammenliegen, als es auf den ersten Blick erscheinen mag!
Die Tatsache, dass ich die Exekutivorgane zuerst einmal verteidige, bedeutet nicht, dass es für mich "heilige Kühe" sind. Ganz im Gegenteil.
Bitte glaube mir, ich bin mir sehr bewusst, wie leicht Menschen gerade dort mit der ihnen übertragenen Macht Missbrauch treiben können - und treiben.
Deine Argumente bezogen sich auf praktische Beispiele, die allesamt die "Unvollkommenheit" jeglicher Staatlichkeit unter Beweis stellen. Das ist mir so klar, wie Dir.
Das Tragische dabei - wie Dein eigenes Beispiel zeigt, ist, dass das Leid, das im Einzelfall dadurch hervorgerufen oder verstärkt wird, sehr sehr groß sein kann.
Dann kommt noch die Ungleichbehandlung hinzu, dass eben einige gleicher sind, wie Du zu Recht mit Bitternis feststellst.
Meine Argumentation ging eher in die Richtung: "Welche innere Einstellung habe ich grundsätzlich gegenüber den Staatlichen Organen"
Nur, weil dort Missbrauch möglich ist - und nicht nur im Einzelfall vorkommt, darf ich das gesamte System nicht boykottieren, es sei denn, ich hätte ein nachweislich besseres.
Was ich halt überhaupt nicht mag ist, dass jemand über alles staatliche meckert, andererseits aber selbst alles tut, was ihm möglich ist, den größtmöglichen persönlichen Vorteil daraus zu ziehen - also die Doppelmoraligkeit.
Ich kann aus obrigkeitlichen Fehlern nicht für mich das Recht ableiten, Gesetze zu missachten, die mir nicht passen oder mit Selbstjustiz zu antworten, nicht einmal, wenn diese Fehler mich selbst betreffen!
Wenn dann das Missachten dieser Gesetze sowieso nur dem eigenen Vorteil und Geldbeutel dient, wird das Motiv hinter dem Handeln sehr leicht erkennbar.
Zu welchem "Zweck" werden denn meist Gesetze missachtet?
Sind es nicht jene "Delikte", die man heute "Kavaliersdelikte" nennt, wie Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung, u.s.w., .....
.....oder findest Du jemals das Übertreten von Gesetzen aus dem Grund, für jemand anderen einen Vorteil oder nur Gerechtigkeit zu bewirken?
Dein Argument: Anarchie ist nicht schlecht. Nur der Mensch der sie nicht versteht und missdeutet, macht sie schlecht!
ist unter denkenden und zugleich friedliebenden und toleranten Menschen sicher akzeptiert und wäre, wenn möglich, eine wünschenswerte Lebensweise. Wenn es einen Menschen gibt, der Freiheit über alles liebt, dann der, den ich jeden Morgen rasiere...
Leider ist es aber in der Praxis nicht möglich - und Du weißt das!
Schon unser alter, von mir sehr geliebter Lateinlehrer (der heute mit 81 Jahren noch immer Nachhilfe in Altgriechisch, Griechisch und Latein gibt), sagte einmal:
"Wir versuchen, aus Euch (damit meinte er unter anderen mich) Menschen zu machen, die ihre Mitmenschen achten und ehren, die den Frieden lieben, die tolerant sind und die Welt ein kleines bisschen besser machen.
Jedoch selbst wenn es uns (den Lehrern) gelingt, alle zur Zeit etwa 1000 Schüler an dieser Schule zu dieser hohen Lebensmoral zu erziehen, reicht es, wenn Euch ein einziger Mensch gegenüber steht, der dumm genug ist, den Abzug seiner Maschinenpistole zu drücken, die ihm ein anderer kluger Mensch in die Hand gedrückt hat, der eben nicht eure, sondern stattdessen lieber seine eigenen Ziele verfolgt - oder verfolgen lässt..."
Es müsste halt einen einzigen Herrscher über alle Menschen geben, der den friedliebenden Menschen die größtmögliche Freiheit einräumt, der Gewalt, Krieg, Hass und alles andere Böse im Keim des Entstehens erstickt und gleichzeitig im absoluten Sinne unbestechlich ist.
Unter Menschen habe ich ihn bisher nicht finden können, deshalb ist die Form der Anarchie, die Du einforderst, nicht möglich - aber das weißt Du genauso gut, wie ich...
So lange es diese Herrschaftsform aber nicht gibt, bringt es uns nichts, das bestehende System nur auszunutzen, wo es möglich ist und uns einen Vorteil bringt.
Wenn wir soziale Gerechtigkeit fordern, müssen wir zuerst einmal sozial sein!
Natürlich hat Staatstreue und Obrigkeitshörigkeit für jeden verantwortlich denkenden und handelnden Menschen eine Grenze. Diese Grenze wird heute sogar als oberstes Naturrecht bezeichnet.
Siehe dazu: http://de.wikipedia.org/wiki/Naturrecht
Niemand handelt gerecht, der den Befehl einer Obrigkeit befolgt, die ihn dazu auffordert, gegen Menschenrechte oder die Menschlichkeit allgemein zu handeln.
Dein Extrembeispiel: Es wäre also unverschämt wenn ich einen Richter im 3.ten Reich, der Semiten in Straflager schickte, zu kritisieren
lass mich vielleicht so beantworten:
Es wäre natürlich nicht unverschämt gewesen, sondern hätte von außerordentlicher Zivilcourage gezeugt, gegen diese Befehle aufzustehen.
Die meisten Menschen in dieser Zeit, von der Du sprichst, wo solche und schlimmere Dinge geschahen, waren nominelle Christen.
Der Apostel Petrus sagte einmal: "Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen" (Apostelgeschichte 5:29) ...
...und der Mann, auf den sich diese nominelle Christen als Begründer ihres Glaubens berufen, sagte bei seiner eigenen Verhaftung zu diesem o.g. Petrus: Stecke dein Schwert wieder an seinen Platz, denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen" (Matth. 26:52)
Hätten damals alle, die sich als Christen bezeichnet haben, nur ein wenig christlich gehandelt, ein wenig Zivilcourage gezeigt, wäre dieses Unrechtssystem und der von ihm hervorgerufene 2. Weltkrieg gar nicht möglich geworden.
Die Täter und alle Mitläufer dieses Unrechtssystems damals hatten alle eine Grundausbildung, die sie in die Lage hätte versetzen können, Recht und Unrecht zu unterscheiden.
Warum haben sie nicht so gehandelt, wie man es ihnen einmal beigebracht hatte?
"Du sollst nicht töten!"
"Du sollst nicht begehren Deines nächsten Weib, Knecht, Haus, Vieh, noch alles, was sein ist"
"Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst!"
Oder jene goldene Regel, als Jesus sagte:
Alles daher, was ihr wollt, daß euch die Menschen tun, sollt auch ihr ihnen ebenso tun; in der Tat, das ist es, was das GESETZ und die PROPHETEN bedeuten... (Matth. 7:12)
Es wäre Zivilcourage gewesen, wenn die Menschen, die als Kinder durchaus Recht und Unrecht zu unterscheiden gelehrt wurden, gegen dieses System aufgestanden wären.
Aber auch damals haben sich die meisten wohl damit zufrieden gegeben, die Steuern zu hinterziehen und Gesetze da nicht zu befolgen, wo sie einem zum Nachteil gereichten...
Bestimmt verstehst Du den Unterschied, den ich klarzumachen suche...
...oder mit anderen Worten: Haben wir den Mut, dort Zivilcourage zu zeigen - notfalls in der Form, dass wir der Obrigkeit nicht gehorchen - wo Unrecht gegen Menschen geschieht oder gehorchen wir nur da nicht, wo es uns zum persönlichen Vorteil gereicht?
Lass mich mit den Worten Konstantin Weckers schließen, eines Mannes, der sicher über den Verdacht der Obrigkeitshörigkeit erhaben ist.
Er zieht für sich selbst eine interessante Erkenntnis aus seinem Leben und Werk (blau hinterlegt):
http://www.youtube.com/watch?v=nEKav2wio-E
http://www.wecker.de/cgi-bin/cgi_lieder1?id=97&ok
Was passierte in den Jahren?
Wie du doch das Treiben satt hast!
Immer wirft dich diese Flut
an ein unbekanntes Ufer,
und dir fehlt schon lang der Mut,
neuen Küsten zu begegnen.
Du bist müde, gräbst dich ein
und beschließt für alle Zeiten,
nie mehr heimatlos zu sein.
Und das nennt sich dann erwachsen
oder einfach Realist.
Viele Worte, zu umschreiben,
daß man feig geworden ist.
Was passierte in den Jahren,
wohin hast du sie verschenkt?
Meistens hast du doch am Tresen
das Geschick der Welt gelenkt.
Und die fiel nicht aus den Angeln,
höchstens du fielst manchmal um,
und für die, die du bekämpft hast,
machst du jetzt den Buckel krumm.
Auch du wolltest wie die andern
fest in einem Weltbild stehn.
Statt die Ängste zu durchwandern,
übst du, sie zu übersehn.
Manchmal jagst du für Sekunden
deinen Zweifeln hinterher,
doch aus Sorge um die Wunden
bleibst du lieber ungefähr.
Und dann triffst du noch die Kämpfer
aus der guten alten Zeit,
fesche Jungs mit drallen Frauen,
und ihr lächelt alle breit.
Was passierte in den Jahren,
wohin hast du sie verschenkt?
Meistens hast du doch am Tresen
das Geschick der Welt gelenkt.
Und die fiel nicht aus den Angeln,
höchstens du fielst manchmal um,
und für die, die du bekämpft hast,
machst du jetzt den Buckel krumm.
Und ich frag mich, ob ich wirklich
so viel anders bin als du.
Zwar, ich kleide meine Zweifel
in Gedichte ab und zu,
das verschafft paar ruhige Stunden,
eigentlich ist nichts geschehn.
Ach, es gibt so viele Schliche,
um sich selbst zu hintergehn.
Doch da muß jetzt was passieren,
zuviel Zeit ist schon verschenkt,
und es wird von den Erstarrten
das Geschick der Welt gelenkt.
Und die fällt bald aus den Angeln.
Komm, wir gehen mit der Flut
und verwandeln mit den Wellen
unsre Angst in neuen Mut.
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In diesen Worten steckt viel Weisheit, ob Konstantin aber erfolgreich sein wird in dem, was er in den letzten 3 Zeilen fordert?
Nachdenkliche Grüße und nochmal: Wenn ich Deinen und meinen Beitrag lese, stelle ich fest, dass wir beide in unserem Denken und Empfinden viel näher zusammenliegen, als es auf den ersten Blick erscheinen mag!
Alles Gute für Dich und natürlich alle anderen hier in der UC wünscht
Holger